DAS IST SIE
Das ist Marina Zwetajewa, ihre Stimme, ihre Rhythmen, ihr Tonfall. Sie sind
wiederzuerkennen. Dem russischen Muttersprachler scheint es wie eine Halluzination.
Ein äußerst seltener Fall bei einer Nachdichtung, sogar bei einer
guten. In einem Nachwort, das ein beinah ebenso großes Verdienst wie die
Übersetzungen selbst ist, beschreibt der Übersetzer Hendrik Jackson
die Merkmale von Zwetajewas Poetik knapp und trefflich: "Kurze heftige
Zeilen voller Enjambements, schroffe klangliche Dissonanzen und Assonanzen,
variierende Versformen, elliptische Ausrufe und komprimierte Sätze".
Diese Besonderheiten verbergen – oft auch für den russischen, von
der Legende von der "grenzenlosen" Zwetajewa seit Generationen verzauberten
Leser – eine weitere wichtige, wenn nicht grundlegende Charakteristik
von Zwetajewas Gedichten: Sie sind bis zum Ende gedacht und an diesem Ende sehr
deutlich. In gewissem Sinne ist Zwetajewa mit ihrer ekstatischen Rationalität
ein Gegenteil zu Ossip Mandelstam, dessen Zeilen nie bis zu einem restlosen
Ergebnis analysiert werden können. Es läßt sich darüber
streiten, was für einen Übersetzer die größere Herausforderung
darstellt. Aber eines ist klar: mit seiner wurde Hendrik Jackson fertig.
Beide Poeme sprechen von intensiver Leidenschaft und lassen die Sinnlichkeit
in allen Registern der menschlichen Stimme klingen. Nicht nur die Leidenschaft
des Klanges, sondern auch die Präzision der Selbstbeobachtung und die Klarheit
der lyrischen Formel gibt der Übersetzer wieder. Das Abschiedswort an einen
erotisch noch immer anziehenden Liebhaber: "Was auch Eva dem Baum nicht
verraten hat, / Das Geheimste - ich sag es dir: / Ich bin nur ein - von wem?
- arg gemartertes, / Ein im Unterleib wundes Tier". Das Grußwort
für einen verstorbenen Geliebten, der nie ein Liebhaber war. Gemeint ist
Rilke, mit dem Zwetajewa einen kurzen, aber heftigen Briefwechsel unterhielt,
ohne ihn persönlich je kennengelernt zu haben, und den sie schließlich
mit ihren verlangenden Ansprüchen etwas verängstigte. Nun, da er tot
ist, fordert sie ihr Vorrecht auf seinen Geist, stellt den Anspruch, seine "Witwe
im Geiste" zu sein, der sich unter der harmlosen Frage nach jenseitiger
Landschaft versteckt: "... Müssen / Dort nicht Berge sein? Und welche
Flüsse? / Ist die Landschaft schön - ohne Touristen? / Raj heißt,
Rainer, Paradies und ist be- / stimmt gebirgig. Mit Gewittern? Nichts für
/ Witwenwünsche..."
Im Nachwort zeichnet Hendrik Jackson die Hintergründe der beiden Poemen
auf. Er spricht von der romantischen, übertriebenen und bewußt-ekstatischen
Welt, welche die Dichterin seit ihrer Kindheit für sich und um sich schuf,
er folgt der eigensinnigen, aber eisernen Logik Zwetajewas, ohne von dieser
Logik hingerissen und versklavt zu werden, was Zwetajewas Forschern leider allzuoft
passiert. Das Nachwort ist ein selbständiger Text und zugleich eine Unterstützung
für den Gedichte-Leser. Die Gedichte, die so gut sind, wären freilich
auch ohnedies ausgekommen. Doch vom Guten ist es nie zu viel.
Olga Martynova
Marina Zwetajewa. Poem vom Ende. Neujahrsbrief. Russisch/Deutsch. Aus dem
Russischen und mit einem Nachwort von Hendrik Jackson. Edition per procura.
Wien - Lana 2003. S. 136, 12 ,- €
zuerst erschienen im tagesspiegel vom 29.6.03